Oh Gott, da bin ich Lange vor Google & Co. gab es das Telefonbuch. Als ich meinen ersten Festanschluss bekam, suchte ich meinen Eintrag. Ich war da, es waren meine Buchstaben, ich wusste, es gibt mich, ich bin Jemand, bin erreichbar.
Ähnlich die Freude, als ich erstmals bei Google auftauchte: Da stand ich, für alle sichtbar. Es gibt Leute, die sich noch immer täglich googeln. Andere lassen sich per E-Mail warnen, wenn ihr Name im Netz auftaucht. Dieser Dienst heisst nicht zufällig Google Alert, also Alarm. Die Stimmung kippt. Die Freude über die eigene Auffindbarkeit weicht dem beklemmenden Gefühl ertappt zu werden.
Schuld ist Googles neuester Dienst Street View. Liefert die schöne Illusion, als sähen wir uns mit eigenen Augen auf Strassenzügen um, sähen die Leute, die da zu Hause sind oder zufällig auf Plätzen herumstehen. Sensationell - bis wir erschrecken: Gott, da bin ja ich. Da ist mein Haus. Da sind meine rostigen Gartenstühle, meine lausigen Geranien. Ich könnte ja ins Bild kommen, wie ich nach Mitternacht mit Peter Schneider Wein trinke. Wie ich eine scheinbar Wildfremde küsse.
Internet macht paranoid. Es lebt davon, dass wir alle und alles durchstöbern, allen auflauern können - bis uns selber aufgelauert wird. Wir spähen lustvoll aus - und reklamieren, wenn wir ausgespäht werden. Der Voyeurismus, mit dem wir das Netz durchschweifen, rächt sich, wenn wir plötzlich zum potentiellen Objekt der Voyeure werden.
Darum die Ketzerfrage: Ist es so schlimm, beobachtet zu werden? Über Jahrhunderte blickte das "Auge Gottes" auf die Erde. Es sah alles, was Menschen trieben, was sie dachten, träumten. Das konnte verdammt unangenehm sein, diese Dauerbeobachtung durch den kosmischen Big Brother, Versteckspielen war zwecklos. Psychohygienisch aber wirkte es Wunder. Wir kennen es ja: Unbeobachtet schlawienern wir gern vor uns hin, schummeln uns durch - bis ein Blick uns trifft. Dann zucken wir zusammen, wir denken, oh Gott, man sieht mich, alle sehen mich - und was tu ich gerade? Will ich das? Bin ich das?
Dabei ist Google ein milder Gott, er straft nicht. Schaut nur hin. Wirkt charakterstärkend. Im Bewusstsein, andere könnten uns zusehen, tun wir, was wir tun, mit mehr Courage. Selbst wenn wir im Garten eine vermeintlich Wildfremde küssen.
Ludwig Hasler
Ludwig Hasler ist einer der pointiertesten Schreiber im Schweizer Blätterwald. Der Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie war bis 2001 Mitglied der Chefredaktion der Weltwoche, zuvor des "St. Galler Tagblattes". Ausserdem hat er sich als langjähriger Kolumnist der Fachzeitschrift "Persönlich" verdient gemacht. Für Swisscom schreibt Hasler nun eine monatliche Kolumne über die Segnungen und Irrungen der Informationsgesellschaft. Die Kolumne gibt seine persönliche Meinung wieder und muss sich nicht mit der Haltung von Swisscom decken.
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