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Eigentlich mag ich Moden gar nicht. Seit alle Auto fahren, fahre ich im Zug. Seit alle ins Handy quasseln, schalte ich auf Combox. Und als ich jüngst so ein schickes Nokia mit TV-Empfang geschenkt kriegte, war mir klar: Nie im Leben würde ich unterwegs fernsehen; wo doch die Wirklichkeit ungleich interessanter ist als ihr Abklatsch am Bildschirm.

 

Bis zum Abend des 6. Juli. Wimbledon-Final. Wir hatten beim Italiener um Acht reserviert, Federer und Nadal aber machten es spannend, meine Leute waren vom Kasten nicht zu trennen. So schaltete ich mein Nokia auf Mobil-TV - und ab ging es ins Ristorante, da setzten wir uns im Halbrund, starrten auf den Handy-Monitor (das Bild übrigens sensationell scharf), doch merkwürdig: Das Match, das uns eben noch angesaugt hatte, verlor seinen Bann. Die Dramatik stieg, der Sog liess nach. Der Kampf der Titanen verharmloste zum Spiel. Nicht dass uns plötzlich der Barolo wichtiger geworden wäre, den trinken wir auch zuhause, aber mehr nebenher, während wir dem Geschehen am Bildschirm folgen. Jetzt verschob sich das Verhältnis, das Weinglas wurde gegenwärtiger, das Bild unwirklicher, ohne Heinz Günthards Knarrstimme wäre schleierhaft geblieben: Ist das Wimbledon live - oder ein Videoclip? Sagenhaft praktisch, so ein Mobil-TV, technisch bewundernswert, doch was wir so leicht in der Hand halten, kann uns niemals überwältigen.

 

Muss es auch nicht. Aber mir dämmerte der Wandel des Mediums. Einst spielte das Fernseh-Möbel die Rolle des Hausaltars. Wir setzten uns vor ihn wie in der Kirche vor die Kanzel, staunten, was er uns erzählte, aus Amerika, aus Vietnam, von den olympischen Spielen in Vancouver, der 1.-Mai-Parade in Moskau. Fernsehen öffnete das Tor zu Welt, die Stube verschwamm, verdrängt von der Gegenwart des Fernen, Fremden. Wir waren, als Stubenhocker, FERNseher.

 

Jetzt nehmen wir TV in der Tasche mit, am Handy, im Internet. Fernsehen überall und jederzeit. Und? Was werden wir davon merken? Nicht allzu viel. Mehr TV on demand, Bilder auf Abruf. Der Zuschauer als Fernsehdirektor. Das Programm bestimmt er. Wie heute schon. Talkshows, Kochshows, Desperate Housewifes, Telenovelas... Von Welt keine Spur. Null Ferne. TV wird NAHsehen. Am ambulanten Taschenformat liegt es nicht, es wird da bloss erst deutlich.

 

Also Leute. Mobile-TV ist perfekt. Der Barolo schmeckt besser. Die Gespräche erst recht. 
 

Ludwig Hasler

 

Ludwig Hasler ist einer der pointiertesten Schreiber im Schweizer  Blätterwald. Der Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie war bis 2001 Mitglied der Chefredaktion der Weltwoche, zuvor des "St. Galler Tagblattes". Ausserdem hat er sich als langjähriger Kolumnist der Fachzeitschrift "Persönlich" verdient gemacht. Für Swisscom schreibt Hasler nun eine monatliche Kolumne über die Segnungen und Irrungen der Informationsgesellschaft. Die Kolumne gibt seine persönliche Meinung wieder und muss sich nicht mit der Haltung von Swisscom decken.



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